Donnerstag, 28. Mai 2015

Stadt der Zukunft: Mit der Liliputbahn über die Mahü

Bei den Erdgesprächen wurde über Stadtgestaltung diskutiert: Wien ist lebenswert, aber es gibt Aufholbedarf, meinen Experten

Wien - Ein halbes Jahr vor der 21. UN-Klimakonferenz in Paris drehte sich auch bei den Erdgesprächen in der Wiener Hofburg alles um Klimaschutz und wie eine lebenswerte Stadtgestaltung dazu beitragen kann. Verkehrsplaner Harald Frey von der TU Wien, Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou, Harald Gründl, Geschäftsführer vom Wiener Institut of Design Research und Elisabeth Noever-Ginthör vom Kreativzentrum Departure diskutierten über Städte der Zukunft. Dabei herrschte Einigkeit: Weniger Platz für Autos und mehr Freiraum in Städten.
"Das Verkehrssystem, so wie es sich uns heute präsentiert, ist ein junges Phänomen", sagte Harald Frey zu Beginn. Denn erst seit 60 bis 70 Jahren verändert die Massenmotorisierung die Städte. Früher seien die Menschen die Skalengröße gewesen. Das zeige sich etwa beim Flanieren in alten Teilen der Stadt an niedrigen Durchgängen und schmalen, verwinkelten Gassen. Heute dominiert weitgehend das Auto das Stadtbild.

"Der Platz wird knapp"

Das Wachstum der Stadt beinhaltet enorme Chance "um ganz viel anders zu gestalten", sagte Maria Vassilakou. Doch auch auf die bereits vorhandenen Stadtteile müsse man einen prüfenden Blick werfen. Die Stadt soll verdichtet werden, was Dachausbauten, Nutzung von Hinterhöfen, ehemaligen Kasernen und Bahnhöfen umschließt.
"Platz ist kostbar. Wo Platz nicht mehr vermehrbar ist, erkennt man, dass das auch mit Mobilität zusammenhängt", sagte die Grüne. Eine Neubewertung des Raums, der dem motorisierten Verkehr in der Stadt eingeräumt wird, sei daher nicht nur aus ökologischen Gründen wichtig, sagte Vassilakou: "Der Platz wird schlicht und einfach knapp." Das wesentliche Wachstumspotenzial steckt ihrer Meinung nach in der Umgestaltung der Städte.
Kreativität ist nicht nur der Kunst vorbehalten, sondern muss wieder mehr in politische und soziale Innovationen einbezogen werden, forderte Elisabeth Noever-Ginthör in diesem Zusammenhang. Für Vassilakou ist es wichtig, zunächst zu entscheiden, was Lebensqualität ausmacht und wie lebenswerte Städte aussehen müssen. Drei Kriterien sind für sie dabei grundlegend: Sicherheit, Freiheit und Solidarität.

Emotionales Thema Fußgängerzonen

"Wir haben alle eine Tendenz vorsichtig zu sein und im schlimmsten Fall bleibt alles so, wie es ist", warf Verkehrsplaner Frey ein. Gerade in Wien könnte man gut erkennen: Sobald Lösungen umgesetzt werden, identifizieren sich alle damit und waren "eh schon immer dafür". Das betreffe fast alle Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und Fußgängerzonen in Wien, wo es Anfangs immer starken Widerstand gibt. "Es gibt acht Millionen Experten, weil alle betroffen sind", sagte Frey.
Designer Gründl verortete Versäumnisse bei den Übergängen bei Neugestaltungen von Stadtteilen, wie etwa bei der Verkehrsberuhigung der Mariahilferstraße. "Menschen lieben Rituale, Design der Zukunft sollte gerade bei emotionalen Themen unterstützend wirken", sagte er. Die Stadt muss in 30 Jahren anders funktionieren. Das wirft die Frage auf, wie man gesellschaftliche Veränderungsprozesse begleitet und welche Werkzeuge dafür eingesetzt werden.

Konsumverhalten und Lebensqualität hinterfragen

Gründl erkennt in der Verkehrsberuhigung der Mariahilferstraße jedoch keinen gesellschaftlichen Wandel: Das Konzept von Einkaufstraßen mit globalisierten Ketten sei nicht zukunftsträchtig. "Zwar hat sich die Mobilität geändert, aber die Art wie wir leben hat sich nicht verändert. Wir konsumieren immer noch und arbeiten 40 Wochenstunden, um weiter konsumieren zu können", sagte er.
Für Vassilakou geht es darum, einen Freiraum in jedem Grätzel zu gewinnen. Die Mariahilferstraße sei zwar noch Raum des Konsums, aber wichtiger Freiraum in den dicht verbauten Bezirke Mariahilf und Neubau: "Die Leute flanieren, treffen sich, es hat fast schon Dorfcharakter."
Die Frage nach Mobilität älterer Menschen war einer der letzten Diskussionspunkte. Vassilakou räumte ein, dass die Frage legitim ist, wenn weitläufige Fußgängerzonen gestaltet werden. "Muss man sich überlegen, wie man das organisieren kann, dass die Menschen an ihre Ziele kommen." So befürwortete sie zum Beispiel im Pilotprojekt, dass Taxis in Fußgängerzonen mit Fahrgästen zufahren dürfen. "Aber die Taxifahrer haben sich in der Testphase selbst geweigert", ergänzte sie.
Als mögliche weitere Lösungen werden zum einen Faxis, also Radtaxis, fahren. Zum anderen meinte sie, dass "etwas wie eine Lilliputbahn rauf und runter fahren" könnte. (Julia Schilly, 29.5.2015)


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