Mittwoch, 26. März 2014

Weltkulturerbe Gemeindebau

Da kommt einem die Galle hoch, wenn man das liest. Der Gemeindebau als Weltkulturerbe. Schon der Name Friedrich Engel bereitet Häupl Bauchschmerzen. Dann erst recht bei Karl Marx, da windet er sich vor Schmerzen und Unwohlsein. Und dann noch dies: Der Gemeindebau ist alles, nur der Bau soll so gewürdigt werden, also die Steine, die Bausubstanz. Da hat sich die SP wieder einmal ganz schön in die Nesseln gesetzt. Da wird immer wieder behauptet, dass der Gemeindebau einzigartig in Europa ist, der soziale Wohnbau des "roten" Wien einzigartig ist. Da will man dann ein Museum daraus machen, dass er schon ist. So wie es ist ist es gut, die SPÖ sollte lieber darauf achten, dass die Demokratie nicht zu kurz kommt, dass sie keine Diktatur errichtet oder diese Diktatur, die sie errichtet hat, wieder abbaut, damit die Leute im Gemeindebau wieder frei atmen können. http://derdreck.blogspot.co.at/

Was haben die Spanische Hofreitschule, der Wiener Dudler und die Wiener Kaffeehauskultur gemeinsam? Sie sind Kulturerbe. Konkret immaterielles Kulturerbe Österreichs. Zum immateriellen Kulturerbe zählen Praktiken, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten, die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes verstehen. Konkret umfasst das immaterielle Kulturerbe mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, darstellende Künste, das Wissen und die Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste sowie traditionelle Handwerkstechniken. So sieht es die Weltkulturorganisation Unesco vor. Das immaterielle Kulturerbe ist also das gedankliche Pendant zum "handfesten" Unesco-Welterbe, zu dem zum Beispiel das Schloss Schönbrunn und das historische Zentrum der Stadt Wien gehören.
Obwohl auch sattsam handfest, sollen die 328 Gemeindebauten aus der Ersten Republik aber nicht Eingang in den Katalog des materiellen Kulturerbes finden, sondern als Idee geadelt werden. Es war die SPÖ-Ottakring, die diesen Vorschlag innerparteilich forciert hat. "Es geht weniger um die Architektur der Gemeindebauten alleine, sondern um den Gedanken dahinter: Dass nämlich auch sozial Schwache die Möglichkeiten haben sollen, menschenwürdig zu wohnen", erklärt Susanne Haase von der SPÖ-Ottakring, warum diese Gemeindebauten nicht als materielles, sondern als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden sollen. Darüber hinaus sei der Status des immateriellen Kulturerbes leichter zu erreichen, und es handle sich schließlich um Wohnbauten, in denen zigtausende Menschen wohnen. Als Weltkulturerbe würden diese Bauten kaum noch modernisierbar sein. Deshalb also der Plan, die seit dem Jahr 2009 bestehende Liste des heimischen immateriellen Kulturerbes um den sozialen Wohnbau des roten Wiens der Ersten Republik zu bereichern.
Im Februar hat die SPÖ-Ottakring diesen Antrag mehrheitlich beschlossen, im April soll dieser beim Parteitag der SPÖ-Wien ebenfalls abgesegnet werden. Danach geht es überparteilich weiter. Die Stadtroten reichen den Antrag an die österreichische Unesco-Kommission weiter, die schließlich entscheidet, ob Friedrich Engels-Hof & Co. Kulturerbe werden. Die Kommission unter Leitung von Maria Walcher hat bereits 52 Sitten und Bräuche, Eigenarten und Fertigkeiten, Einzigartigkeiten und Besonderheiten in die begehrte Liste aufgenommen.
"Bodensee-Radhaube", "Hundstoaranggeln"
Unter anderem die "Bodensee-Radhaube", die Ferlacher Büchsenmacher und das "Hundstoaranggeln", eine seit dem 14. Jahrhundert ausgetragene Sportart in Salzburg. Die Idee des sozialen Wohnbaus wirkt in dieser Sammlung etwas sperrig, sind es doch in erster Linie vom Aussterben bedrohte Eigenheiten des heimischen Brauchtums, denen via Kulturerbe neue Kraft eingeflößt werden soll.
In den 328 Gemeindebauten der Ersten Republik aber wohnen mehr als 100.000 Menschen. Es ist eine sehr lebendige Idee, die hier zum Kulturerbe werden soll. Darum gibt sich auch Gabriele Eschig, die Generalsekretärin der Unesco-Österreich-Kommission, einigermaßen erstaunt, als sie vom Vorhaben erfährt. "Ich meine, dass zum Beispiel der Karl-Marx-Hof durchaus seine Berechtigung hätte, Teil des Weltkulturerbes zu werden, aber die Idee des sozialen Wohnbaus, ausgedrückt durch die Gemeindebauten der Ersten Republik, als immaterielles Kulturerbe? Das wäre doch einigermaßen ungewöhnlich", sagt sie zur "Wiener Zeitung".
Laut Generalsekretärin Eschig sind es vor allem Bräuche und Traditionen, die von Generation zu Generation vererbt werden, die die besten Chancen haben, Aufnahme zu finden. Es wäre auch das erste Mal, dass eine Idee, die so eng mit einer politischen Partei verbunden ist, zum Kulturerbe würde. "Obwohl: Wir haben ja auch die ,Vereinigung zu Tamsweg‘ aufgenommen, eine Salzburger Gruppe, die sich jedes Jahr aufs Neue der gegenseitigen Hilfeleistung verpflichtet, das ist ja auch ein sozialer Brauch", räumt die Generalsekretärin ein.
Gemeindebauten stehen unter Denkmalschutz
Es ist ein symbolischer Akt, anerkannter Teil des kulturellen Erbes Österreichs zu sein. Mit der Aufnahme sind keine finanziellen Leistungen verbunden. Und nachdem die Wiener Gemeindebauten der Ersten Republik unter Denkmalschutz stehen, ist deren Substanz ohnedies gesichert. Was die Wiener Sozialdemokraten mit dieser Anerkennung zusätzlich bezwecken, ist die Betonung der Eigentumsverhältnisse. Oder wie eine Genossin meint: "Die Idee der Privatisierung der Gemeindebauten widerspricht völlig dem Gedanken des sozialen Wohnbaus." Sie erwartet sich eine Stärkung dieser Position.

Wie auch immer Unesco-Österreich entscheiden wird - nicht immer finden die Beschlüsse der Bewertungsjury Beifall. Als das Vogelfangen des Salzkammerguts 2010 zum Kulturerbe erklärt wurde, war der Unmut der Tierschutz-Community groß. Schließlich werden die Singvögel im Winter in Käfigen gefangen. Auch Ablehnungen führen zu Groll. So hatten eingefleischte Rapid-Fans 2010 gefordert, die "Rapid-Viertelstunde" zum Kulturerbe zu machen, ein Ritual bei Spielen des Rekordmeisters, bei dem die 75. Spielminute eingeklatscht wird. "Nach langer Abwägung aller Für und Wider abgelehnt", so die Jury damals. Die Rapidler nahmen es fair und quittierten das Nein mit dem Satz: "Schiedsrichterentscheidungen sind Tatsachenentscheidungen."

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