Donnerstag, 5. Februar 2015

Der Wiener Architekt Harry Glück - «Wohnen wie die Reichen»


Allein in der österreichischen Hauptstadt hat der Wiener Architekt Harry Glück 16 000 (von insgesamt 18 000) Wohnungen errichtet. Obwohl Glück in den 1970er Jahren der meistbeschäftigte Architekt der Stadt war (und ein Büro mit über hundert Angestellten führte) und obwohl die meisten seiner Bauten – darunter viele Sozialwohnungen – bis heute in überdurchschnittlich gutem Zustand und vor allem beliebt sind, ist sein Einfluss auf den neueren Wiener Wohnbau gering geblieben. Dennoch wird Glück, der dieses Jahr seinen 90. Geburtstag feiern kann, von seiner Geburtsstadt Wien zu Recht mit dem Goldenen Ehrenzeichen sowie einer Publikation zu seinen Wohnbauten geehrt.

Harry Glück ist in erster Linie der Entwerfer einiger bemerkenswerter Terrassenhäuser, deren erstes 1974 in der Inzersdorferstrasse in Wien entstand. Bereits hier sind einige der charakteristischen Prinzipien, die gerade für den sozialen Wohnbau neue Qualitäten bedeuteten, verwirklicht: privater Grünraum, Gemeinschaftsflächen und Dachschwimmbäder. «Wohnen wie die Reichen» oder «Luxus im sozialen Wohnbau» waren die Slogans, mit denen Glück im noch weitgehend von Mangelwirtschaft geprägten Österreich für Furore sorgte.

Dabei wurden seine Bauten formal wegen ihres konventionellen Erscheinungsbildes, aber gerade auch wegen der genannten Ansprüche für eine «privilegierte Mittelschicht» zunächst heftig angefeindet. Vor allem Glücks bekannteste Wohnanlage, die Grosssiedlung «Wohnpark Alt-Erlaa» im Süden Wiens, wurde aufgrund ihrer Monumentalität und eines «unmenschlichen Wohn- und Städtebaus» kritisiert. Alt-Erlaa besteht aus drei gigantischen Blöcken, die 300 Meter lang und bis zu 94 Meter hoch sind. Durch die Türmung auf einem breiten Sockel gelang es Harry Glück jedoch, jede einzelne Wohneinheit mit eigener, besonnter Terrasse auszustatten. Die Wohntürme Alt-Erlaas gehören heute zum Stadtbild Wiens. Die geringe Mieterfluktuation spricht offenbar für außerordentliche Wohnzufriedenheit.

Der nun vom Stadtplaner Reinhard Seiss herausgegebene Band über Glücks Siedlungsbauten versucht aus heutiger Perspektive eine Neubeurteilung des Vielbeschäftigten unter dem Aspekt des sozialen Wohnbaus. Welche Kriterien müssen angesetzt werden, um die «Architektur an den Bedürfnissen der Massen» zu orientieren? Seiss rückt Glücks «pionierhaftes Werk», das durch «die damalige Ignoranz» der «Publizistik und der Architektenschaft» lange Zeit nicht adäquat gewürdigt worden sei, mit diesem Buch zu Recht in den Mittelpunkt. Allerdings werden die überschaubaren, im Wesentlichen auf drei Prinzipien beruhenden Qualitäten von Glücks Architektur bei aller Breitenwirksamkeit über das nötige Maß strapaziert und in zum Teil redundanten Textbeiträgen betont – mehr, als für eine reine Würdigung nötig gewesen wäre. Als informatives Überblickswerk ist die Publikation mit den in mehreren Fotostrecken mit im wahrsten Sinne des Wortes ins beste Licht gerückten Glück-Bauten von Hertha Hurnaus eine gelungene Aufarbeitung des Lebenswerks eines wichtigen, wiewohl umstrittenen österreichischen Architekten. Die dahinter stehende Absicht, den Diskurs über den sozialen Wohnbau Wiens anzukurbeln, ist ehrenhaft. Eine gültige Einschätzung dieses noch nicht abgeschlossenen baukünstlerischen Werks liegt damit aber noch nicht vor.

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