Sonntag, 9. Februar 2014

Der Wiener Gemeindebau als Zeichen des "Roten Wien"

Damit hatte die SPÖ, die damalige, wie auch die heutige, nichts am Hut. Ganz im Gegenteil. Die Geschichte wäre anders verlaufen, hätte sich die SPÖ so verhalten wie viele andere aufrechte Österreicher, aber die SPÖ hat lieber den Kopf eingezogen und ist zuhause geblieben. So wie heute. Kein Rückgrad. 

     Der Wiener Gemeindebau als Zeichen des "Roten Wien" war während der Februarkämpfe der        Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen Heimwehr und Schutzbund. Was blieb von damals in Erinnerung und wie geht eine Gesellschaft mit diesen Wunden um?
"Weg vom Fenster! Sie schießen wieder!" Dieser Zuruf ist der bleibende Eindruck der Februarkämpfe 1934 im Leben von Familie Keller. Es waren jene Worte, die die Mutter von Elisabeth Keller ihrer Tochter, damals noch ein Kind, zurief. Bloß nicht den Kopf heben, nur geduckt durch die Wohnung schleichen. Das war (über-)lebenswichtig. Und genau das hört man nun von der Tochter, wenn man sie nach ihrer Erinnerung an damals fragt. "Am gefährlichsten für die Zivilisten war es, sich am Fenster zu zeigen. Von einer kleinen Anhöhe aus wurde der Gemeindebau vom Militär unter Beschuss genommen. Die Kugel gingen bei einem Fenster hinein, beim anderen wieder hinaus, und wo sie endeten, konnte wohl niemand sagen."
Während der Februarkämpfe im Jahr 1934 standen die Arbeiterheime und Gemeindebauten in vielen Wiener Bezirken – es gab auch einige Bezirke, in denen es zu keinen Kampfhandlungen kam – im Zentrum der Auseinandersetzungen. Doch was wissen die Bewohner von heute noch über die Ereignisse vor 80 Jahren? Gibt es ein kollektives Geschichtsgedächtnis im kommunalen Wohnbau? Oder sind die Kämpfe nur Relikte einer längst vergangenen Zeit, die mit jeder Renovierung wieder um eine Schicht Farbe weniger sichtbar wird?
"Wissen Sie, was am 13. Februar 1934 gegen Mittag in Ihrer Küche passiert ist?" Ein Mann, der – widerwillig, aber doch – den Kopf aus der Tür gestreckt und dem lästigen Journalisten nun Aug' in Aug' gegenübersteht, schüttelt den Kopf: "Vermutlich wurde gekocht?" Nein. Auch ein Foto mit der zerschossenen Fassade bringt wenig Licht ins Dunkel. "Hier ereigneten sich die heftigsten Kämpfe in diesem Bezirk und gegen Mittag schlugen schwere Granaten in Ihrer Wohnung ein." "Interessant, wusste ich nicht. Hat mir niemand gesagt. Aber ich wohne  erst seit fünf Jahren hier."
Anderer Bezirk, nächster Gemeindebau. Auf der Suche nach der richtigen Wohnung, die auf der Aufnahme aus dem Jahr 1934, schwer von Maschinengewehr und schwerer Artillerie getroffen, ein Schatten ihrer selbst scheint. Kurzes Klingeln, niemand öffnet. Die Suche nach Zeitzeugen gestaltet sich schwerer als erwartet. Doch dann eine Fügung des Schicksals. Frau Hertha, keine Zeitzeugin, aber schon einige Jahrzehnte hier wohnhaft, kennt sich aus. "Ja, in meiner Küche lagen überall Trümmer. Die Kämpfe hier bei uns waren sehr heftig. Es wurde von allen Seiten auf den Gemeindebau geschossen." Woher sie all die Details wisse, wo sie doch hier nicht gewohnt, sogar noch nicht einmal auf der Welt gewesen war? "Die älteren Mieterinnen erzählen sehr viel über diese Zeit. Das hat sie geprägt. Aber leider findet man immer weniger Parteien im Haus, die das noch erlebt haben und erzählen können. Wissen Sie, in meinem Schlafzimmer steckte '45 auch noch eine Fliegerbombe, aber das ist eine andere Geschichte." Der Journalist bohrt weiter: "Wird hier noch viel über die Februarkämpfe gesprochen?" "Nein. Leider. Die Alten sterben oder ziehen weg, die neuen Mieter interessieren sich wenig für die Geschichte. Hauptsache eine Wohnung." Da sich die Kampfhandlungen doch nun zum 80. Mal jähren, könnte man doch einige Gedenkveranstaltungen erwarten? "Ich habe nichts über entsprechende Pläne gehört. Dabei fände ich es schön, wenn die Mieter, es gibt ja nicht nur die uninformierten Inländer, sondern auch viele Ausländer, die gar nichts darüber wissen – manche wollen es auch nicht, aber Wissen schadet doch nicht – oder? Wenn Sie mich fragen, so wird hier einfach zu vieles vergessen. Es wird eigentlich alles schlechter hier. Der Gemeindebau wird schmutziger, es wird lauter und lauter. Die Gemeinschaftsräume werden geschlossen. Alles, wofür diese Bauten einmal standen, scheint nicht mehr wichtig. Aber ich frage Sie, finden Sie nicht, dass die Zeiten sich wiederholen? Ich glaube, dass es in den 30er Jahren nicht so viel schlimmer war als heute. Das Vergessen ist das Problem dabei. Man sollte wieder mehr darüber reden, aber vielleicht geschieht das heuer ja noch." Ein resignierendes Schulterzucken. Der Wäschekorb wird hochgehoben, Frau Hertha geht zum Waschsalon, neben dem Kindergarten der einzige Gemeinschaftsraum, der wirklich noch genutzt wird.

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