Mittwoch, 16. Oktober 2013

"Bettenbörse" für Menschen in Not

Es geht mir auch so - denn auch ich habe keine Wohnung. Ich komme hin und wieder wo unter, für einige Monate. Schuld an der ganzen Misere ist bei mir "Wiener Wohnen". Die haben mich aus der Wohnung genervt, in der ich 51 Jahre gewohnt hatte. http://derdreck.blogspot.co.at/

Immer mehr Menschen brauchen Unterstützung bei Wohnproblemen

"Bettenbörse" für Menschen in Not

Von Barbara Sorge
In der zentralen Anlaufstelle P7 erhalten akut Obdachlose Hilfe und ein Bett.
Wien. Von einer Sekunde auf die andere stand Danka Mikulasova (48) vor einem Abgrund. Ihr Lebensgefährte, mit dem sie seit sechs Jahren in einer kleinen Einzimmerwohnung zusammenlebte und der sie am Nachmittag noch bei ihrer Arbeit als Kellnerin in einem Lokal besucht hatte, starb plötzlich an einem Herzinfarkt. Neben dem Schock und der Trauer musste sie auch noch aus der Wohnung raus - einerseits war diese für sie alleine zu teuer. Andererseits konnte sie aus persönlichen Gründen nicht mehr in der Wohnung bleiben, in der sie mit ihrem Lebensgefährten so glücklich gewesen war.
Bei Wiener Wohnen konnte man ihr trotz Vormerkscheins nicht weiterhelfen, alleine hätte sie nun keinen Anspruch auf eine Wohnung, hieß es. Mikulasova wusste nicht wohin. Unterstützung bekam sie von der Nichte ihres verstorbenen Lebensgefährten, die sie in ihrer eigenen kleinen Wohnung aufnahm. "Ich wollte nicht stören und war wie eine kleine Maus in der Ecke." Als die Nichte einen Freund hatte, wollte sie nicht im Weg sein, verließ die Wohnung um 8 Uhr in der Früh, obwohl sie erst am Nachmittag zu arbeiten begann und lieber länger geschlafen hätte.
Durch Zufall erfuhr sie von P7, bei einem Beratungsgespräch sah sie endlich wieder etwas Licht in ihrer vertrackten Situation: "Die Beraterin war mein Engel." Gemeinsam mit der Sozialarbeiterin schafften sie es, für Mikulasova eine Wohnung für Sonderfälle über die soziale Schiene bei Wiener Wohnen zu bekommen. Es ist eine kleine Wohnung im 15. Bezirk. Als sie einzog, hatte Mikulasova eine Luftmatratze und einen Wasserkocher dabei, aber: "Für mich war es wie eine Villa, wie das Paradies."
Wieder nach Hause gehen
Nach rund einem Jahr bei ihrer Nichte bekam sie am 24. Juli den Schlüssel für "ihre" Wohnung, den Tag wird sie sich wohl ewig merken. Inzwischen sagt sie auch schon: "Ich gehe nach Hause."
Bei Raimund Reiner (43) war es ein Unfall mit anschließendem Arbeitsverlust und nicht bezahlten Monatsmieten, die zur Delogierung führten. Als er von der Reha zurückkam, war das Schloss der Wohnung ausgetauscht. Im Internet machte er sich schlau, wo er denn in seiner Situation Unterstützung bekommen könnte, und fand das P7. Dort wurde ihm geholfen, eine Postadresse einzurichten. Für die erste Zeit wurde er ins Nachtnotquartier U63 in Meidling vermittelt, bis ein Platz im Übergangswohnheim in der Siemensstraße in Floridsdorf frei wurde. Hier hat er nun ein kleines Zimmer, er macht über das AMS eine Ausbildung zum Computertechniker. "Ohne P7", sagt er, "wüsste ich nicht, was ich gemacht hätte."
Reiner und Mikulasova konnten mit der Unterstützung durch die Sozialarbeiter des P7 aus ihrer misslichen Lage herauskommen. Am Mittwoch feierte die Einrichtung der Caritas der Erzdiözese Wien in der Pazmanitengasse 7 in der Leopoldstadt ihr zehnjähriges Bestehen. Dessen Leiter Erich Steurer ist damals gemeinsam mit seinem Team vom Bahnhofssozialdienst am Westbahnhof in die Räumlichkeiten gekommen, die zuvor ein Tageszentrum beherbergt hatten. "Früher war es so, dass jeder, der einen Schlafplatz benötigte, es irgendwo versucht hat. Es war klar, dass es eine zentrale Stelle braucht, die eine Übersicht über alle Plätze hat und die freien Plätze vermittelt", erzählt Steurer von den Anfängen des P7. Lange hätte man gemeinsam mit der Stadt Wien an einem Konzept für diese zentrale Anlaufstelle gearbeitet, seit 2003 ist das P7 die zentrale Anlaufstelle, die die Betten verwaltet. Derzeit sind es rund 300, im Winter kommen noch einmal 200 dazu.
"Es ist die wohl größte Bettenbörse für Menschen in Not in dieser Stadt", sagte Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, anlässlich des Jubiläums. Sozialstadträtin Sonja Wehsely betonte die Bedeutung von P7: "Die Stadt nimmt jährlich über 48 Millionen Euro in die Hand, um sicherzustellen, dass ein vielfältiges Angebot bereitsteht."
Stetig steigender Bedarf
Tausenden Menschen wurde in den vergangenen zehn Jahren ein Dach über dem Kopf vermittelt. Alleine 2012 wurden 6300 Menschen in rund 16.000 Beratungsgesprächen betreut. Rund 50 Prozent der Menschen, die ins P7 kommen, brauchen sofort ein Quartier. Die andere Hälfte hat zwar eine Unterkunft, lebt aber in unsicheren Verhältnissen, ist zum Beispiel - wie auch Frau Mikulasova - kurzzeitig bei Freunden untergekommen, hat aber keine eigene Bleibe. Vor allem bei Frauen ist diese verdeckte Wohnungslosigkeit häufig.
Steurer beobachtete in den vergangenen zehn Jahren eine kontinuierliche Steigerung des Bedarfs, wobei in dieser Zeit auch das Angebot an Notschlafstellen erweitert wurde. Ein großer Einschnitt war die Wirtschaftskrise 2008: "Seitdem bemerken wir, dass auch immer mehr arbeitende Menschen Probleme dabei haben, sich eine Wohnung leisten zu können", berichtet Steurer.
Das P7 ist an 365 Tagen im Jahr geöffnet, jeder kann ohne Termin vorbeikommen und wird noch am selben Tag beraten. Akut obdachlose Menschen bekommen nicht nur ein Bett und ein Dach über dem Kopf, sondern auch die Möglichkeit der Krisenintervention, der Notversorgung oder Hilfestellungen bei Amts- und Behördenverkehr.


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