Mittwoch, 5. März 2014

Wieviel Wohnraum braucht der Wiener?

Wien. Lag der pro Kopf Wohnbedarf in den 1970er Jahren noch bei 25 Quadratmetern, so beträgt er heute bereits 38. "Und wenn jemand heute eine Wohnung sucht, dann wünscht er sich 42 bis 45 Quadratmeter pro Kopf", erklärt Wohnbaustadtrat Michael Ludwig in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung" - und bezieht sich dabei auf Zahlen der Wiener Wohnbauforschung. "Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf Platzbedarf, Energieverbrauch, Betriebskosten und Versicherung - eine Entwicklung, der man heute beim Wohnbau Rechnung tragen muss." Denn günstig wohnen will heute noch immer jeder.

Dazu kann ich nur eines sagen: Als wir in die Wohnung gezogen sind waren wir zu 5. Das war 1960. Die Wohnung hatte eine Größe von 71 m2. Das ergibt einen Durchschnitt von 14,2 m2/Person. Heute wünscht man sich 45 m2/Person. Das hat seine Gründe, denn wer mehr als 50 m2 bewohnt, der bekommt keine Mietzinsförderung. Damals hat es das nicht gegeben. Der Zins war damals viel zu hoch für uns und wir mussten noch Untermieter aufnehmen, dass wir den Zins zahlen konnten.
Wiener Gemeindebauwohnung - so hat das geheißen, heute heißt es Wiener Wohnen. Nach 51 Jahren in dieser Wohnung wurden wir von Wiener Wohnen entfernt. Der Streit ist heute noch am Gericht, aber da das Gericht sich nicht traut, bleibt er dort liegen bis zum St. Nimmerleinstag. Und das sin jetzt schon 6 Jahre. http://derdreck.blogspot.co.at/
Soziale Durchmischung
Vor allem gelte es, den sozialen Wohnbau an diese Begebenheiten anzupassen. Schließlich kann sich nicht jeder Wiener eine große Wohnung leisten. Und auf der grünen Wiese große Wohnblöcke mit leistbaren Wohnungen à la Großfeldsiedlung zu errichten, ist auch keine zeitgerechte Lösung mehr. Das Stichwort laute heute mehr denn je: soziale Durchmischung. Zumindest im Bereich des geförderten Wohnbaus kann darauf Rücksicht bzw. entsprechender planerischer Einfluss darauf genommen werden. Aber während die einen am Ideal der sozialen Durchmischung festhalten, begrüßen andere heimlich die Gettobildungen in den alten Wohnsilos und träumen weiterhin vom Eigenheim am Stadtrand, wo man "unter sich" bleibt. Eine Herausforderung für die Stadtplaner angesichts einer wachsenden Stadt, deren Bewohner heute ganz andere Bedürfnisse haben als noch vor 40 Jahren. "Man muss heute in Regionen denken", betont Ludwig. Wenn jeder sein eigenes Ding macht, ohne auf den anderen zu achten, dann führe das zu Wohnbauten ohne öffentliche Anbindung, zu Einkaufszentren, die urbane Grätzel zerstören, und zur Vergrößerung der Schere zwischen Reich und Arm.
Also sollte das Wohnangebot so attraktiv gestaltet werden, dass man auch gerne auf das Wohnen am Stadtrand verzichtet, um dem urbanen Leben den Vorzug zu geben. Das wiederum erfordert Qualität und Flexibilität - aber vor allem Leistbarkeit. Aus diesem Grund setzt man auf den geförderten Wohnbau: Unter bestimmten Kriterien vergibt die Stadt günstige Grundstücke an Bauträger, die sich dazu verpflichten müssen, günstige Wohnungen zu errichten. Die Hauptkriterien dafür lauten hier: Ökonomie, Planung und Architektur, Ökologie - und seit 2008 auch "soziale Nachhaltigkeit". Ergänzend gibt es auch die Wiener Wohnbauinitiative, wo derzeit sechs Konsortien, jeweils bestehend aus einer Bank, einer Versicherung und einem Bauträger leistbare Wohnungen mit gesicherten Mieten errichten. Derzeit befinden sich 14.000 geförderte Wohnungen in Bau.
Neben dieser Objektförderung gibt es noch die Subjektförderung - also etwa in Form einer Wohnbeihilfe - speziell für sozial schwache, aber auch für junge Menschen, die noch nicht viel Geld verdienen. Auf diese Weise ist die Vergabe von Wohnungen mit einem maximalen Eigenmittelanteil von 60 Euro pro Quadratmeter möglich bzw. gibt es auch "supergeförderte" Wohnungen, die eigenmittelfrei sind - etwa für alleinerziehende Mütter. Bei den sogenannten Smartwohnungen wird heute auf 100 Quadratmetern das untergebracht, wofür man früher 120 Quadratmeter gebraucht hat - auch das ermögliche günstigere Mieten.
Kritik an Wohnbaupolitik
Trotzdem gibt es die Kritik, dass die Mieten in Wien zu hoch sind. "Die Forderung nach der Wiedereinführung des Gemeindebaus würde es aber nicht günstiger machen", gibt Ludwig zu bedenken. Schließlich müsste dann die Stadt alleine bauen - ohne Kostenaufteilung auf Bauträger und Investoren. Damit würden letztlich weniger Wohnungen errichtet. Auch dem Verzicht auf Barrierefreiheit erteilt das Wohnbauressort eine Absage. Hier werde von Kritikern oft ins Spiel gebracht, dass es billiger wäre, nur bei Bedarf behindertengerecht zu bauen. "Behindertengerecht ist aber etwas anderes als Barrierefreiheit - letztere verursacht keine merklichen Mehrkosten, wenn man entsprechend plant. Und sie stellt sicher, dass man auch noch im hohen Alter problemlos in seine Wohnung kommt", so der Sprecher des Wohnbaustadtrats, Hanno Csisinko. Und gerade in Zeiten, wo die häusliche Pflege vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft immer wichtiger wird, sei Barrierefreiheit wichtig. Aber auch für junge Menschen, die vielleicht einmal mit einem Kinderwagen unterwegs sind.
Sehr wohl Einsparungspotenzial sieht man bei den Normen, die gerade durchleuchtet würden. Verzichten wolle man auf keine - schließlich würden gerade Normen zur Qualitätssicherung beitragen. Vereinfachungen seien aber durchaus möglich.
Zur Vereinheitlichung der länderspezifischen Bauordnungen, wie sie immer wieder von einzelnen Stimmen der Bauwirtschaft gefordert werden, meint man im Ludwig-Büro, dass ohnehin 70 bis 80 Prozent aller Bauordnungen den bundesweit geltenden Richtlinien der ÖIB entsprechen (Österreichisches Institut für Bautechnik). Der Rest falle auf ländertypische Eigenheiten - "alleine aufgrund der Witterung muss man in Tirol anders bauen als im Burgenland", so Ludwig.

Die Zeit der künstlerischen Selbstverwirklichung von Architekten im Wohnbau scheint auf alle Fälle vorbei zu sein. Schließlich gibt es in dem Bereich auch keine Architekturwettbewerbe mehr, sondern nur noch Bauträgerwettbewerbe. Das heißt, die Architekten müssen sich mit den Bauträgern arrangieren und vor allem viel Kreativität an den Tag legen - gilt es doch, vorhandenen Raum so flexibel und platzsparend wie möglich zu gestalten. Und vor allem leistbar.

Montag, 3. März 2014

Spendenaktion für die Gruft

Spendenaktion für die Gruft

Unter dem Motto "Nicht wegschauen, bitte helfen" hat Maler, Musikurgestein und Olivenölproduzent Rudi Treiber auf Facebook eine Spendenaktion ins Leben gerufen. "Ich habe das schon einmal vor vier Jahren gemacht, damals für das St. Anna in Wien. Damals habe ich fast 2.000 Euro zusammen bekommen. Dieses Mal möchte ich für Menschen sammeln, die keine eigene Wohnung oder keinen eigenen Platz zum Schlafen haben, nämlich für die Gruft in Wien", so Rudi Treiber. 
Die Gruft ist eine Stelle in Wien, wo Obdachlose übernachten können und essen bekommen. "Ich habe ein eigenes Spendenkonto dafür eröffnet. Die Spendenaktion ist jedoch zeitlich begrenzt und läuft exakt am 1. Mai aus. Ich werde jede Woche einen Auszug aller Spendernamen und die Höhe der einzelnen Spenden auf Facebook veröffentlichen."
Nach dem 1. Mai wird das Konto notariell geprüft und geschlossen. Der gesamte Betrag wird dann auf das Konto der „Gruft“ überwiesen. 
"Wenn nur jeder all meiner fast 5000 Facebookfreunde einen Euro spendet, dann wäre das ein wirklich schöner Betrag und diesen Menschen, die oft unverschuldet in solch schreckliche Lage gekommen sind, geholfen", so Treiber. "Es kann jeder spenden so viel er will, auch anonym, ich freue mich über jeden einzelnen Euro. Schon jetzt ein Dankeschön im Namen derer, die es wirklich brauchen. Den meisten von uns geht es so gut und es gibt zu viele, denen es viel schlechter geht. Also öffnet bitte eure Herzen und denkt an diese Menschen. Das Gute im Leben kommt immer irgendwann zurück."
Wer helfen möchte, kann das unter Sparkasse Neusiedl am See, IBAN: AT182021621687017300, BIC: SPHBAT21XXX lautend auf Rudi Treiber – Die Gruft) tun.

Opernsänger Rolando Villazón spendet seinen Gewinn aus der TV-Neuauflage von Hans-Joachim Kulenkampffs Quizshow-Klassiker "Einer wird gewinnen" (EWG) einer Berliner Obdachlosen-Organisation.

Der Startenor hatte die 25 000 Euro am Samstag in der ARD-Show erkämpft - zuvor war er gegen andere Kandidaten aus europäischen Ländern für Frankreich angetreten. "Das Thema Obdachlosigkeit liegt mir sehr am Herzen", sagte Villazón laut einer Mitteilung vom Montag. Der mob e.V. gibt die Obdachlosenzeitung "Strassenfeger" heraus. Er kaufe diese Zeitung immer, wenn er in Berlin ist, sagte der Startenor. "Ich freue mich sehr, die Arbeit des Vereins zu unterstützen." Die "EWG"-Sendung war als einmalige Neuauflage geplant - vor 50 Jahren wurde sie zum ersten Mal ausgestrahlt.

WAHLKAMPF-ZUGPFERD WOHNEN

WAHLKAMPF-ZUGPFERD WOHNEN

ÖVI kritisiert Umfrage
Autor: Gerhard Rodler

Na da schau her, auch das ÖVI kritisiert diese Umfrage, die etwas mehr als 20.000 beantwortet haben. Kaske versucht sich verzweifelt in Stellung zu bringen, was ihm anscheinen nicht wirklich gelingt, denn niemand glaubt ihm mehr. Die SPÖ, ÖVP, Grüne und all die anderen Parteien, haben dieses Thema schon wieder fallen gelassen. Es ist zu kritisch, daran könnte man sich die Zähne ausbeißen.

Derzeit scheine kein Wahlkampf möglich zu sein, ohne das Wohnthema in populistischer Manier vor den Wahlkampf-Karren zu spannen, beschwert sich der ÖVI in einer Aussendung. Auch die Interessensvertretung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hätten sich ausgerechnet auf dieses Thema eingeschossen. So seien auch die Ergebnisse der AK Wien Befragung „billigeres Wohnen“ wenig erstaunlich. Ähnliche Ergebnisse erzielte auch eine Befragung zur Höhe von steuerlichen Abgaben oder den Kosten für Lebensmittel. Auffallend ist hingegen die geringe Beteiligung, nur gut ein Prozent hat sich die Zeit genommen, die sich selbst beantwortenden Fragen auszufüllen.
„Nachdem nun endlich das Bekenntnis zu einer mehr als notwendigen Wohnrechtsreform Eingang ins Regierungsprogramm gefunden hat, gilt es umso mehr, einen sachlichen Diskurs zu führen und ein neues, faires Wohnrecht zu schaffen“ fordert ÖVI Präsident Udo Weinberger. Im Bundesministerium für Justiz wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, der ausdrücklich das Vertrauen zur Erarbeitung konkreter Vorschläge ausgesprochen wurde. Sowohl ÖVI als auch AK sind in diesem Arbeitskreis vertreten. Gefragt sind also konstruktive Beitrage und nicht das Aufbauen eines Feinbildes des „privaten Vermieter“.
Eine Modernisierung des Mietrechts dürfe sich aber nicht nur auf eine Vereinfachung beschränken, vielmehr müssen die Ungleichheiten des bestehenden Systems beseitigt werden. Eine Vereinfachung des Mietrechts, die Harmonisierung des Anwendungsbereiches, die Klärung der Erhaltungspflichten und die Durchforstung des Betriebskostenkatalogs wird vor allem davon abhängen, inwieweit es gelingt, einen tragfähigen Konsens hinsichtlich der Mietzinsbildung zu finden. Auch Vermieten muss leistbar bleiben, ein fairer Ausgleich zwischen Mietenden und Vermietenden muss möglich sein.
Der ÖVI fordert mehr Treffsicherheit im sozialen Wohnbau, denn mit dem in Österreich außerordentlich hohen Anteil an Sozialwohnungen (ca. 60 Prozent) sollte eine einkommensgerechte Wohnraumversorgung gut lösbar sein. Nun geht aus den jüngsten Auswertungen der Statistik Austria (EU-SILC) hervor, dass gerade Bevölkerungsgruppen mit besonders niedrigem Einkommen eben nicht im entsprechenden Ausmaß vom sozialen Wohnbau profitieren.


PRIVILIGIENSTADL BEIM WOHNEN

PRIVILIGIENSTADL BEIM WOHNEN

Junge zahlen Zeche für Privilegierte
Autor: Gerhard Rodler

Natürlich gibt es Privilegien beim Wohnen. Häupl wohnt ja auch nicht im Gemeindebau, Ludwig schon gar nicht, und Neumayer würde niemals dort wohnen wollen. Im Gemeindebau wohnen nur die unterpriviligierten, so wie Pilz und andere.

Zigtausende geförderte Wohnungen würden in Wien an Menschen vermietet, die einkommensmäßig längst nicht mehr gefördert werden müssten. Junge Zuwanderer aus den Bundesländern bzw. dem Ausland sind auf den Privatmarkt angewiesen, da der Zugang zu Gemeindewohnungen nur für bereits in Wien lebende Menschen beschränkt ist. Über 75.000 private Mietwohnungen werden um Preise vermietet, die das Niveau der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts haben. Und das noch immer bestehende Eintrittsrecht erlaubt es, dass nahe Angehörige weiterhin mit denselben niedrigen Mieten für Jahrzehnte weit unter den tatsächlichen Kosten in diesen Wohnungen verbleiben. Michael Pisecky, Obmann der Fachgruppe der Immobilientreuhänder in der Wiener Wirtschaftskammer: „Es gibt in Wien hunderttausende Privilegierte, die niedrigste Mieten bezahlen. Die Kosten eines Gebäudes müssen aber gedeckt werden, was vor allem zulasten Junger geht, die derzeit eine Wohnung suchen oder vor kurzem bezogen haben. Diese niedrigen Mieten müssen unter Berücksichtigung einer entsprechenden Einschleifzeit an das Marktniveau herangeführt werden. Das würde die derzeitige Schere zwischen den Privilegierten-Mieten und dem Preisniveau bei Neuvermietungen reduzieren!“


Porträt: „Als Obdachloser wirst du entmündigt”

Porträt: „Als Obdachloser wirst du entmündigt”

By  on 4. März 2014

Ein Wiener über das teure Leben als Obdachloser, die Szene und über den problematischen Umgang mit Wohnungslosen im Sozialsystem
Sie sind ein Teil jeder Stadt und trotzdem für viele Unbekannte: Obdachlose, die auf der Straße oder in Notquartieren schlafen. Harald W. (Name von der Redaktion geändert), ein Wiener Mitte 40, ist einer von ihnen. Beim Gespräch mit mokant.at gibt er Einblicke in die Lebensrealität und die Szene der Wiener Obdachlosen. Er erzählt auch von den Hürden und Schikanen, die Wohnungslosen aus seiner Sicht von sozialen Einrichtungen in den Weg gelegt werden. Aus Angst, dass ihm seine Kritik Schwierigkeiten bereiten könnten, möchte der Wiener anonym bleiben.
„Ich hab es immer auf mich zukommen sehen“
Das erste Mal wurde Harald W. mit 20 Jahren obdachlos. Freunde und Familie versuchten ihn zunächst aufzufangen, schlussendlich landete er trotzdem auf der Straße. Immer wieder fand er aus der Obdachlosigkeit heraus und rutschte dann doch wieder ab. Dabei verlief der Weg in die Obdachlosigkeit immer nach dem gleichen Muster: Zuerst Jobverlust, dann konnte die Miete nicht mehr bezahlt werden und schließlich die Exekution. Auf die Frage, wie er sich dabei gefühlt hat, meint er: „Ich hab das immer auf mich zukommen sehen und war dadurch irgendwie vorbereitet. Dann ist es nicht mehr so schlimm, als wie wenn es Einen eiskalt erwischt“.
„Wo schlaf ich jetzt?“
 
Jeden Tag stellt sich Harald W. diese Frage aufs Neue. Wenn man von der Polizei beim Schlafen auf einem öffentlichen Platz erwischt wird, wird man sofort vertrieben. Obdachlosigkeit soll in der Gesellschaft nicht zu stark wahrnehmbar sein, meint HaraldW.: „Manchmal drücken sie ein Auge zu, aber meistens nicht, weil du bist ja sonst zu sichtbar“.
Es gibt aber auch noch andere Gefahrenquellen auf der Straße, nämlich Diebstahl unter Obdachlosen: „Man beklaut sich mehr oder weniger gegenseitig“, erzählt Harald W. Manchmal würden Obdachlose aber auch von Jugendlichen bestohlen oder attackiert.  Auch in den Obdachlosenquartieren ist man nicht vor  Diebstahl nicht geschützt, erklärt der Wiener.
Zudem seien dieses manchmal so überfüllt, dass man keinen Schlaf oder überhaupt keinen Platz zum übernachten finden könne. Auch im Winter bei minus zehn Grad ist es daher keine Seltenheit, dass Wohnungslose auf der Straße schlafen. „Die ersten fünf Minuten im und die ersten fünf Minuten aus dem Schlafsack sind die schlimmsten, weil du die volle Kälte abkriegst“, beschreibt Harald W. seine Übernachtungen auf der Straße im Winter. Wenn man auf der Straße lebt, ist man auf die Unterstützung anderer Obdachlose angewiesen, denn hier gelten eigene Gesetze, erzählt er.
Die „Giftler“, die „Alkis“ und die Spieler
Die meisten der Obdachlosen gehören laut Harald W. einer dieser Gruppen an. Es gibt aber noch eine vierte Gruppe, der sich auch Harald W. zuzählt: „Die nirgendwo reinpassen, weil sie einfach nicht mitmachen und beim Alkohol nur ab und zu mal zwei Bierchen trinken“. Man bewegt sich meistens innerhalb der eigenen Gruppe, meint Harald W. Dort gibt es starken Zusammenhalt und enge Freundschaften, aber auch Konflikte bis hin zu körperlicher Gewalt. Migranten würden von den einheimischen Obdachlosen meistens ausgeschlossen werden. Darin sieht Harald W. eine starke Parallele zur nicht-obdachlosen Gesellschaft: „Hier findest du hauptsächlich Rassisten, das bildet sich automatisch raus, weil jeder um sich selber kämpfen muss und schnell ein Schuldiger gesucht wird“. Er kennt aber auch andere Situationen: Jemand, der fließend deutsch spricht, werde nicht als Migrant wahrgenommen und im Alkoholrausch fänden Menschen aus allen Nationen schnell zueinander.
Als Obdachloser lebt man teuer
Das Wichtigste bei einem Leben auf der Straße sei warme Kleidung, zum Schutz vor der Kälte werden mehrere Kleidungsstücke übereinander getragen. In der Gruft und anderen Einrichtungen bekomme man zwar Kleidungsspenden, aber diese reichen oft nicht aus, erklärt Harald W. Die meisten Dinge des täglichen Gebrauchs müsse man selbst kaufen. Vor allem im Winter wird das teuer: „Du musst dir dann überlegen, wovon kann ich zwei kaufen, damit es die Wirkung von Einem hat“. Wohnungslose benötigen außerdem Matte, Schlafsack, Geschirr und Gaskocher. Gas sei besonders teuer, denn man verbrauche in etwa drei Gaskartuschen pro Woche. Fast alle Obdachlosen besitzen laut Harald W. auch ein Handy, weil das Arbeitsmarktservice von ihnen verlangt immer erreichbar zu sein.
Neben den Grundbedürfnissen benötigen viele zusätzlich Geld, um ihre Sucht zu finanzieren, erzählt er weiter. Da die meisten Obdachlosen laut Harald W. alleinstehend sind und die Partnersuche gerade für Wohnungslose schwierig ist, gehen viele gelegentlich ins Bordell. „Ums Geld dreht sich nicht nur in der normalen Gesellschaft, sondern auch bei den Obdachlosen alles”, meint er dazu. Die meisten Obdachlosen haben einen Anspruch auf Mindestsicherung oder Arbeitslosengeld. Vorausgesetzt sie sind österreichische Staatsbürger oder haben im Land gearbeitet. Obdachlose Migranten aus Drittländern bekommen diese Unterstützung nicht. “Für sie ist es noch viel schwieriger”, meint auch Harald W. dazu.
Missstände in der Gruft, oder doch Missverständnisse?
„Entmündigung und soziale Demütigung“ sind die Begriffe, die Harald W. einfallen, während er über den Umgang mit Obdachlosen im Sozialsystem sinniert. Zu Einrichtungen, wie der „Gruft“ hat er ein gespaltenes Verhältnis. So kritisiert Harald W., dass man trotz Umbau der Einrichtung nach wie vor am Boden schlafen müsse. Die Sitzplätze für die Betroffenen seien weniger geworden. Die Sozialarbeiter hätten hingegen eine für die Obdachlosen nicht zugängliche Etage mit Terrasse und Grillplatz bekommen. „Also, für wen wurde es gebaut?“, fragt sich Harald W. Der Sprecher der Gruft wehrt sich im mokant.at Gespräch gegen die Vorwürfe. Das Nachtquartier befinde sich im Gegensatz zur neu gebauten Tagesstätte noch im alten Gebäude. Eine Sanierung des Nachtquartiers stehe jedoch bevor und dann sollen auch Stockbetten zur Verfügung gestellt werden. Durch das neue Tageszentrum gebe es um vier Sitzplätze mehr als vorher. Dass ein eigener Bereich mit Terasse für die Mitarbeiter mit Teragebaut wurde, bestätigt der Sprecher. Früher hätten Einzelgespräche und Teamsitzungen in einem einzigen Raum im Notquartier stattfinden müssen. Nun gibt es dafür eigene Räumlichkeiten. Von einem eigenen Grillplatz ist ihm jedoch nichts bekannt.
Harald W. erzählt uns auch, dass in der Gruft bereits ab 22.00 Uhr Nachtruhe herrscht und dann weder gesprochen, noch geraucht oder getrunken werden darf. „Wenn du in der Gruft bist, wirst du entmündigt“, fasst er die Situation zusammen. Es bedarf gewisser Grundregeln, damit ein gutes Zusammenleben funktioniert, kontert der Sprecher der Gruft. Das Nachtquartier diene ja dazu, dass die Obdachlosen in Ruhe schlafen könnten, und bei über 90 Menschen in einem Raum, müsse man ein wenig aufeinander Rücksicht nehmen.
Wer bekommt die Spenden?
Harald W. äußert auch den Verdacht, dass nicht alle Spenden bei den Obdachlosen ankommen. Auf der Außentür der Notunterkunft der Gruft sei ein Schild mit der Aufschrift „Spenden bitte gegenüber abgeben“ angebracht. Die Spenden würden also nicht direkt den Betroffenen übergeben, sondern zunächst an einer anderen Stelle des Gebäudekomplexes der Gruft. Häufig würden auch Zigarettenpackungen gespendet, aber die Obdachlosen bekämen davon meist nur zwei, oder drei. „Was mit dem Rest passiert, wissen wir nicht“, meint er. Diesen Vorwurf weist die Gruft entschieden zurück. Die Spenden verwende man für die Arbeit mit Obdachlosen auf der Straße. Vor allem Zigarettenspenden eigneten sich gut, um mit Obdachlosen auf der Straße Kontakt aufzubauen.
„Vier Jahre auf eine Wohnung warten“
Auf die Frage, warum Obdachlose nicht sofort eine Sozialwohnung zugeteilt bekommen, bevor sie in die Obdachlosigkeit abrutschen, muss Harald W. lachen. Man hätte zwar einen Anspruch, aber eine Wohnung bekäme man so gut wie nie „Es heißt Sie sind jetzt zuerst einmal obdachlos und schlafen auf der Straße oder in der Notunterkunft.“ Danach bekomme man eine Übergangswohnung, für die man zahlen müsse. Übergangswohnungen bieten Einzelzimmer für Obdachlose und sind die letzte Station, bevor sie wieder in eine normale Wohnung ziehen können. Zwischen 187 und 265 Euro müssen die Obdachlosen für diese Übergangswohnungen bezahlen, wie auf der Homepage des Fond Soziales Wien nachzulesen ist. Dann bekomme man „irgendwann einmal“ eine reguläre Wohnung, erzählt Harald W. weiter. Allerdings kann das sehr lange dauern: „Ich kenne Fälle, die warten vier Jahre und länger auf eine Wohnung“. Harald W. selbst, wohnt gerade in einer Übergangswohnung und schläft in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer. Auch dort müssen sich Obdachlose an vorgegebene Regeln halten. Außenstehende Personen dürfen nicht mit ins eigene Zimmer genommen werden: „Ich habe ja jetzt wieder eine Freundin, aber eine gemeinsame Nacht gibt’s da schon mal nicht“, ärgert sich der Wiener.
„Ein Mensch vierter Klasse“
Harald W. findet, dass es einem das System in vielen Bereichen des Lebens nicht leicht macht. Eine Arbeit zu bekommen sei schwer, im Krankenhaus werde man behandelt, „wie ein Mensch vierter Klasse“. Obdachlose werden seiner Erfahrung nach auch bei schwerwiegenden Erkrankungen nur selten über Nacht im Krankenhaus behalten. Er erzählt von einem Freund, der bei einer schweren Lungenentzündung eine Infusion erhalten hat und dann sofort weggeschickt wurde. „Die Menschenrechte sind als Obdachloser nicht mehr vorhanden“, fasst er die Situation zusammen. Trotzdem schaffen es viele wieder zurück in ein Leben mit Wohnung und Arbeit, wie es auch Harald W. immer wieder gelungen ist. Er ist gerade auf Jobsuche und möchte so schnell wie möglich mit seiner Freundin eine eigene Wohnung finden.

Astrid Aringer ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: astrid.aringer[at]mokant.at

Kaske: Stadt Wien muss mit Bauordnung- Neu dafür sorgen, dass Wohnen leistbar bleibt

Bauordnung-Neu muss schärfere Kriterien bei Widmung "Förderbarer Wohnbau" einführen


Kaske macht sich stark – für die Wahl. Was er aber nicht weiß, ist, wenn man sich an die AK wendet, gerade im Bereich Wohnen, Zins, Miete, oder gar Wiener Wohnen, da bekommt man eine schöne zynische Absage.  Weit ist es nicht mit Kaske her, weit ist er gekommen. Jetzt sitzt er in der AK, an der Spitze, seine Genossen werden ihn schon wählen, die wissen was von ihnen verlangt wird. Viel Stimmen wird es bei der AK-Wahl wohl nicht geben, dafür hat die AK zu wenig gemacht und kurz vor der Wahl laut los zu schreien, ist den meisten zu wenig. Da hätte es schon mehr gebraucht.

 "Die neue Wiener Bauordnung muss jetzt klare Weichen für mehr geförderten Wohnbau für die nächsten Jahre stellen", sagt AK Präsident Rudi Kaske. Aber ausgerechnet da bleibt der Entwurf der neuen Bauordnung viel zu vage: Zwar gibt es jetzt die neue Widmungskategorie "Förderbarer Wohnbau." Aber die Bedingungen für diesen "Förderbaren Wohnbau" sind nur durch technische Kriterien wie Wärmedämmung oder die Wohnungsgröße bestimmt. "Was fehlt, sind klare
Bedingungen in der Widmung, die festlegen, dass diese Flächen innerhalb einer bestimmten Zeit an gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften verkauft werden müssen", sagt Kaske. Denn nur damit kann sichergestellt werden, dass unter dem Etikett  "Förderbarer Wohnbau" auch wirklich bezahlbare Wohnungen für NormalverdienerInnen und nicht Luxuswohnungen gebaut werden. 

Verschärfungen bei der Flächenwidmung für den sozialen Wohnbau werden derzeit in mehreren Städten und Bundesländern diskutiert. In den nächsten zehn Jahren werden etwa 140.000 Menschen nach Wien ziehen. "Für die Wohnungssuchenden, die hier leben und für die, die noch kommen, brauchen wir mehr bezahlbare Wohnungen", so Kaske. Wien hat eine große Tradition im sozialen Wohnbau. Jetzt wäre der Zeitpunkt, ein Modell zu entwickeln: Eine Bauordnung, die mit klaren
Widmungskriterien dafür sorgt, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird, gerade auch für diejenigen mit kleineren Einkommen. 
Einen wichtigen Schritt dahin hat der vorliegende Entwurf der Bauordnung schon getan: Mit der Befristung der Baulandwidmung sorgt die neue Bauordnung dafür, dass Bodenspekulationen erschwert werden. Künftig muss ein zur Bebauung gewidmetes Grundstück auch wirklich
innerhalb einer klaren Frist bebaut werden.  In die richtige Richtung geht auch die Möglichkeit, künftig mit großen Bauträgern städte-bauliche Verträge abzuschließen: So können große Bauträger, die ganze Stadtviertel bebauen, dazu verpflichtet werden auch für die entsprechende Versorgung der künftigen Wohngebiete mit Kindergärten oder Schulen zu sorgen. 

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS
OTS0047 2014-03-03 10:07 031007 Mär 14 AKW0002 0312

Sonntag, 2. März 2014

Die Vertreibung der Obdachlosen

Die Vertreibung der Obdachlosen aus dem Wiener Stadtpark erregte im Herbst 2013 die Gemüter. Einige weichen nun auf einen Stiegenabgang am Wienfluss aus.

Was sollen sie sonst machen? Die ausgestoßenen unserer Gesellschaft, jene die durch das soziale Netz gefallen sind, das immer mehr durchfallen lässt. Viel bleibt nicht über, wer überleben möchte, der muss isch was einfallen lassen, und dieser Einfall ist ganz gut.

Sie sind ohne Bleibe, übernachten auch bei bitterer Kälte im Freien und ihnen droht ständig die Vertreibung durch Polizei und Stadt. Das ist der Alltag der Obdachlosen im Wiener Stadtpark. Gegen die Räumung im Oktober haben sie Beschwerde eingelegt.

Wie ein "Heute"-Leserreporter nun entdeckte, übernachten einige der Menschen ohne feste Bleibe auf den durch Graffitis dekorierten Stiegenabgängen zum Wienfluss. Dort haben sie sich eingerichtet, ihre Matratzen und Hab und Gut verstaut. Niemand kann behaupten, dass sie auch dort im Weg sind. 

Zu einem Polizeieinsatz ist es Samstagfrüh am Praterstern gekommen. Nachdem ein Obdachloser Fahrgäste von Bim und Bahn angepöbelt hatte und auch der Aufforderung der Polizei, das Gelände zu verlassen, nicht nachkam, wurde er festgenommen. Jetzt hagelt es Kritik an der harten Vorgehensweise der Exekutive.

Ein Obdachloser ist ein Freiwild für die Polizei und überhaupt für alle. Da kann man seinen Frust abreagieren, denn ein Recht hat der Obdachlose nicht. Hätte der Obdachlose einen Frack angehabt, so wie Faymann oder Spindelegger, dann hätte die Polizei sich vor ihm verbeugt und ihm herzlich gebeten doch nach Hause zu gehen. Aber so ...

Nach Anfrage von "Heute.at" bei der Polizei hatte der schwer Betrunkene im Bereich Praterstern Passanten angepöbelt. Daraufhin baten die Polizeibeamten den Obdachlosen, den Bereich zu verlassen. Stattdessen stieg er aber in die Straßenbahn ein. Da sich der Bim-Fahrer weigerte, den Alkoholisierten mitzunehmen, und dieser nach wie vor Fahrgäste belästigte, eskortierten ihn die Beamten aus dem Waggon und nahm ihn fest.

Kritik gibt es nun an der Vorgehensweise der Exekutive. Nachdem die meisten Passanten gegangen waren, sollen sich zwei Beamte auf den Obdachlosen gekniet haben. Beim Fixieren sollen sie nicht gerade behutsam gewesen sein. Schließlich schrie er vor Schmerzen, wie uns ein Leserreporter berichtet hat.